Fla Nierenstein

Die Uner­klär­lich­keit des Lächelns

Es ist nur eine Kleinig­keit für einen Menschen, doch eine Uner­mess­lich­keit für Fla.

Es war spät in der Nacht, als er das Licht der Welt erblickte. Der Mond schien hell und Fla Nieren­stein dachte zunächst, dass es hier immer so aussehen würde. Doch mit den nächsten Stunden wurde es immer heller.

In der folgenden Zeit erkannte er, dass es zwei Monde gab. Einen hellen und einen dunkleren, die abwechselnd am Himmel ihre geheimnis­vollen Bahnen zogen. Ab und an zeigten beide Monde gleich­zeitig ihr Gesicht, doch dies kam sehr selten vor, seitdem er hier war, hier, über der Schaufel eines ausrangierten Krans und einem schmalen Grün­streifen, zwischen dem Fluss der anonym umher­streifenden Menschen und dem des Mains.

Fla wusste nicht viel, eben nur so viel, dass es zwei Monde gab. Seit einiger Zeit beschäftigte er sich mit einer anderen Frage, und zwar jener, welche sein ständiges Lächeln thema­tisierte. Das Lächeln war so stark und strahlend, dass es ihm beinahe wehtat. Doch er konnte einfach nicht anders und aufhören schon gar nicht.

Um seine Erklärungs­ansätze und Ideen fest­zuhalten, schrieb er regel­mäßig in sein imaginäres Notiz­heft. Dort trug er alle Beob­achtungen und Erkennt­nisse ein, die ihm relevant vorkamen, um der Antwort auf seine brennende Frage auf die Spur zu kommen. Vor einer Woche zum Beispiel bemerkte er durch Zufall, dass ihn ein gepunktetes Mädchen mit einem pinken Luft­ballon in der Hand anstarrte – dann sogar mit einem ihrer kümmer­lichen Finger auf ihn zeigte. Daraufhin stellte sich eine ältere Person zu ihr, vermutlich Vater der Punkte, und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Daraufhin fing das Mädchen plötzlich an, ihn, Fla Nieren­stein höchst­persönlich, anzu­lächeln. Ihm war das zunächst äußerst unan­genehm, war er doch solch eine Unver­schämt­heit nicht gewohnt. Doch sein Lächeln verschwand nicht, im Gegen­teil, er hatte das Gefühl, dass es noch stärker wurde. Eifrig schrieb Fla diese uner­klär­liche Begeben­heit in sein Notiz­buch.

Von diesem Tag an fiel ihm auf, dass sein stetes Lächeln auch von anderen Personen erwidert wurde. Er konnte es sich aller­dings nicht erklären, warum ihn nur bestimmte Passanten anlächelten. Lag es an ihrem Aussehen, ihrem Geschlecht, ihrem Alter, der Personen­konstellation in der sie an ihm vorbei­flanierten?

Und schon wieder lächelten ihn zwei fremde Personen unverfroren an. Gewissen­haft notierte sich Fla:

12:47 Uhr. Zwei Personen. Nummer 2389 und 2390. Vielleicht ein Paar. Sie, ca. 160 cm, brünett, Pferde­schwanz und ganz in schwarz: Leder­stiefel, Jacke, Tasche, Hand­schuhe, Rock und Strumpf­hose, dazu eine Sonnen­brille. Breites, lang anhaltendes Grinsen. Er, blaue Jeans, schwarze Lack­schuhe, kurze braune Haare, keine Brille, keine Tasche, keine Hand­schuhe, vielleicht eine Strumpf­hose. Kurzes, beiläufiges Lächeln.
Vasco Indigofera

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